Das Jenseits

    Unser aller Reise

    Das Jenseits

    Es ist nun an der Zeit, die wichtige Frage zu diskutieren, was uns am Ende der Straße erwartet. Wissenschaft und Religion sind sich einig in ihrem Verständnis, dass die menschliche Rasse eines Tages nicht mehr auf diesem Planeten existieren wird. Was sie höchstens diskutieren, ist, was danach geschieht. Aber die Menschen, die dem göttlichen Pfad gefolgt sind, haben das Vorwissen, dass an einem bestimmten Tag – verborgen von Gott und nur ihm bekannt – jeder einzelne Mensch wieder zum Leben erweckt wird und sich dann für alles, was er zu Lebzeiten getan hat, verantworten muss. An diesem Tag wird jeder einzelne für seine guten oder schlechten Taten entweder belohnt oder bestraft werden. Diejenigen, die nicht an diesen Tag des Jüngsten Gerichts glauben, werden immer argumentieren:

    Und sie sagten (immer wieder): Sollen wir etwa, wenn wir (erst einmal) gestorben und (zu) Erde und Knochen (geworden) sind, (zu neuem Leben) auferweckt werden, (wir) und unsere Vorväter? Sag: Die früheren und die späteren (Generationen) werden auf den Termin eines bestimmten Tages versammelt werden. [13]

    Das Konzept des Jenseits ist weit entfernt von den Gefilden menschlicher Erfahrung. Es ist nicht einfach zu begreifen, dass eine Person, deren Körper gestorben ist, spirituell weiterlebt, oder dass sie später leben wird, lang nach dem Tode. Wissenschaftliche Erkenntnis kann ein solches Konzept nicht unterstützen, obwohl sie auch nicht in der Lage ist, es völlig zu widerlegen.

    Obwohl die Vorstellung vom Jenseits Teil des Glaubens an das Unsichtbare ist, und damit jenseits der Grenzen menschlicher Erfahrung liegt, ist sie dennoch völlig logisch. Wenn wir die wissenschaftliche Theorie der Konstanten in diesem Universum akzeptieren, dann hat vom Großen bis ins Allerkleinste jede einzelne Ursache oder Handlung eine Wirkung. Nichts kann geschehen, ohne eine direkte oder indirekte Reaktion zu verursachen. Das führt uns zum Konzept des universellen Gleichgewichts: Was wiederum von einem spirituellen Blickwinkel aus zum Glauben an die endgültige Gerechtigkeit leitet, ausgehend von der göttlichen Eigenschaft eines gerechten Gottes. 

    Nach den Gesetzen dieses offenkundig universalen Prinzips ist es unwahrscheinlich, dass Gott einen Rechtschaffenen nicht belohnt, und eben sowenig sollten wir erwarten, dass Gott einen Unterdrücker nicht bestraft oder ihn aus seiner Verantwortung entlässt.

    Abermillionen von Rechtschaffenen, Unterdrückten und Verfolgten lebten und starben ohne Entschädigung. Abermillionen von Übeltätern, Verfolgern, Mördern und Tyrannen lebten und starben, ohne in dieser Welt ihre Strafe gefunden zu haben. Der gerechte Gott, der Allmächtige, sollte nicht zulassen, dass diese Übeltäter den Konsequenzen ihrer Taten entkommen, noch sollte Er die Rechtschaffenen unbelohnt lassen. Es muss daher eine andere Dimension geben, in der mehr als ausreichend Zeit ist, die himmlische Gerechtigkeit walten zu lassen.

    An jenem Tag werden die Menschen (voneinander) getrennt hervorkommen, um ihre (während des Erdenlebens vollbrachten) Werke zu sehen. Wenn dann einer (auch nur) das Gewicht eines Stäubchens an Gutem getan hat, wird er es zu sehen bekommen. Und wenn einer (auch nur) das Gewicht eines Stäubchens an Bösem getan hat, wird er es (ebenfalls) zu sehen bekommen. [14]

    Der gemeinsame Glaube aller großen monotheistischen Religionen an das Jenseits ist tatsächlich das stärkste Band, das uns vereint, ganz gleich, von welchem Teil des religiösen Spektrums man kommt. 

    Diejenigen, die glauben (und sich Gott im Islam hingeben), und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Christen … (alle) die, die an Allah und den jüngsten Tag glauben und tun, was recht ist, denen steht bei ihrem Herrn ihr Lohn zu, und sie brauchen (wegen des Gerichts) keine Angst zu haben, und sie werden (nach der Abrechnung am jüngsten Tag) nicht traurig sein. [15]

    Die endgültige Bestimmung einer jeden Seele nach dem Tag des Jüngsten Gerichts kennt nur Gott. Aber wir sind ermutigt worden, Seine Vergebung und Seine grenzenlose Gnade zu suchen, egal wie häufig wir uns auf unserem Pfad verirrt haben.

    Niemand wird ohne Gottes Einwilligung das Recht haben, sich für sie zu verwenden. Wir wissen aber, dass der Allmächtige seinen auserwählten Botschaftern wohlwollendes Gehör schenken wird, wenn sie sich für ihre Anhänger aussprechen. Deshalb sollten wir keinen der auserwählten Propheten ablehnen oder zwischen ihnen unterscheiden. Sie kamen, um die Botschaft der Einigkeit und der Bruderschaft zu verkünden und dies fand seinen Abschluss in der Sendung des Propheten Muhammad, der die klaren Lehren des Glaubens und der guten Taten der vorhergegangenen Propheten bekräftigte.

    Ihr Leute der Schrift (Torah, Bibel und alle göttlich offenbarten Schriften)! Unser Gesandter ist nunmehr zu euch gekommen, um euch (auf Grund der Offenbarung, die er erhalten hat) vieles von der Schrift klarzumachen, was ihr (bisher) geheimgehalten habt, während er (gleichzeitig) gegen vieles nachsichtig ist (und es auf sich beruhen lässt). Ein Licht und eine offenkundige Schrift sind von Allah zu euch gekommen. Allah leitet damit diejenigen, die nach seinem Wohlgefallen streben, die Wege des Friedens und bringt sie – mit seiner Erlaubnis – aus der Finsternis heraus ins Licht und führt sie auf einen geraden Weg.[16]

    Gott selbst wird seinen Dienern die größte Belohnung geben, den Garten der ewigen Seligkeit, in dem die Seele die Erfüllung aller Wünsche genießen kann, ohne dass das Behagen jemals geschmälert wird. Dort werden die Nachwirkungen von Essen und Trinken, von Kameradschaft und Liebe sich noch besser anfühlen und ohne jegliche bösen Folgen bleiben. Dies ist ein Ort, in dem alles haargenau so ist, wie man es gerne hätte, und dort gibt es niemanden, der eure Glückseligkeit jemals gefährden oder bedrohen könnte. Um diesen Ort mit unserer jetzigen Welt zu vergleichen, gab uns der Prophet das folgende Gleichnis: „Mein Gott! Was ist diese Welt im Vergleich mit der nächsten außer der Parabel von einem, der den Finger ins Meer hält: Dann lass ihn schauen, womit [sein Finger] zurückkehrt.“ [17] Im Gegensatz dazu ist die Bestrafung im Jenseits etwas, über das man lieber nicht nachdenken möchte. Die abgrundtiefe Enttäuschung darüber, dass du darin versagt hast, Gott mit Deinen Taten zu erfreuen oder zu bereuen, wird ihn erzürnen und zu unablässiger Qual im Feuer der Hölle führen. Der Hauptgrund, warum Seelen es nicht schaffen, diesem Ende zu entgehen, ist ihre Nachlässigkeit, die Botschaft des Lebens zu verstehen, obwohl diese klar und deutlich von allen Propheten und Boten des Weges Gottes verkündet worden ist: „Diese Welt vergeht und die nächste rückt näher, und jede hat ihre Kinder. Seid Kinder der nächsten Welt und nicht dieser. Denn heute haben wir Taten, aber keine Verantwortung dafür. Morgen aber müssen wir Rechenschaft ablegen, ohne zu handeln.“ [18]

     

    Yusuf Islam

    Ramadan 1427 AH / September 2006 AD

    Referenzen
    13 Der Koran, Al-Waqi’a (Das Geschehen) 56:47-50 (übersetzt aus dem Arabischen von Rudi Paret)
    14 Der Koran, Al-Zalzalah (Das Beben) 99:6-8 (übersetzt aus dem Arabischen von Rudi Paret)
    15 Der Koran, Al-Baqarah (Die Kuh) 2:62 (übersetzt aus dem Arabischen von Rudi Paret)
    16 Der Koran, Al-Ma’idah (Der Tisch) 5:15-16 (übersetzt aus dem Arabischen von Rudi Paret)
    17 Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm), Sahih Muslim
    18 Ali ibn Abi Talib